Wasser in Gallneukirchen – läuft‘s?
Manfred Höfler beantwortet unsere Fragen zum Themenfeld.
Konkret interessiert unsere Leser:innen natürlich, wie es um die Wasserversorgung für die Haushalte und die Landwirtschaft im Raum Gallneukirchen beschaffen ist.
Manfred Höfler: Gallneukirchen wird durch eine eigene Wasserversorgung gesichert. Die Tiefenbrunnen Linzerberg samt Entsäuerungsanlage befinden sich bei der Zufahrt zum Martinsstift. Den Grundwasserkörper, der durch die „Schutzgebietsverordnung Gallneukirchner Becken“ geschützt ist, teilen wir uns mit der Gemeinde Engerwitzdorf.
In den letzten Jahren wurden einige Ursachen für chemische Verunreinigungen im Gemeindegebiet festgestellt (Putzerei Wurm, Tankstelle Lengauer) - davon war länger nichts zu hören. Gibt es da noch Handlungsbedarf?
Im Jahr 2001 wurden im Rahmen von Untersuchungen hohe Belastungen mit Benzinbestandteilen und chlorierten Kohlenwasserstoffen festgestellt. Da diese kaum gemeinsam auftreten, wurde auf mindestens zwei Verursacher geschlossen.
Mit sogenannten Sperrbrunnen wurde das belastete Wasser vom Trinkwasser fern-gehalten und gefiltert, die Suche nach den Quellen der Verunreinigung war jedoch mühsam. So wurden bis 2010 insgesamt 40 (!) Sondierungssonden errichtet.
Die ehemaligen Firmen Putzerei Wurm (heute Areal ONE) und Tankstelle Stiglechner (gegenüber Rotkreuzstelle) wurden schließlich als Verursacher identifiziert – das kontaminierte Erdreich zwischenzeitlich entsorgt.
-> https://tinyurl.com/altlasten
Unklar ist aus meiner Sicht noch immer, ob diese beiden Quellen tatsächlich die einzigen Ursachen waren. Möglicherweise tauchen noch weitere auf (unklare / schwer interpretierbare Analysenergebnisse in einzelnen Sonden).
Die Lehren aus den damaligen Vorfällen sind aus meiner Sicht, dass Versickerungen von Wässern sehr genau überlegt werden müssen, da unser
Trinkwasser direkt aus dem Ortsgebiet stammt (allerdings ein Widerspruch zur Forderung, dass Niederschlagswässer möglichst versickert werden sollten, um sie länger in der Fläche zu halten). Außerdem sollten die Vorgaben der „Schongebietsverordnung Oberes Gallneukirchner Becken“ bei Baumaßnahmen eingehalten werden (Bürgermeister ist Baubehörde 1. Instanz).
Haben die privaten Schwimmbecken eine Auswirkung auf den Wasserhaushalt? Gibt es Veranlassung für die Gemeinde, lenkend einzugreifen?
Wie in allen Gemeinden stellen Schwimmbäder in 2-facher Hinsicht ein Problem dar:
- Bei gleichzeitiger Befüllung kann es zu Druckverlusten kommen, da die Wasserversorgungsanlagen auf derartige Spitzen nicht ausgelegt sind. In Gallneukirchen ist der Schwimmbadanteil wegen der alten, dichten Verbauung nicht so hoch wie in Neubausiedlungen, wo praktisch bei jedem Haus ein Pool vorhanden ist.
- Entsorgung (Rückspül- & Entleerungswässer): Gechlorte Wässer behindern den biologischen Umsatz in Kläranlagen bzw. verursachen direkte Schäden bei Einleitungen in Gewässer. Besonders problematisch sind Pools, in denen Kupfersulfat als Desinfektionsmittel eingesetzt werden. Die wenig schlechteste Lösung ist die derzeit am häufigsten verwendete Methode der Salzwasserpools.
Gibt es Prognosen, wie sich der Klimawandel auswirken wird? Sind Hochwasser, Trockenheit, Starkregen/Hagel etc. ein Thema? Wie können die Böden bei dem derzeitigen Stand der landwirtschaftlichen Intensivbewirtschaftung überhaupt Wasser aufnehmen und halten? Kann die Speicherfähigkeit der Böden verbessert werden?
Das Wasserdargebot geht natürlich aus verschiedenen Gründen auch in unserem Gebiet zurück. Eine unmittelbare Bedrohung sehe ich nicht (bin aber auch kein Hydrogeologe):
- Durch den Umstand, dass wir auf einem großen Speicher sitzen, dürften derartige Entwicklungen erst verspätet durchschlagen. Soweit ich weiß, wird derzeit weniger Grundwasser entnommen als natürlicherweise nachgebildet wird.
- Wir liegen in der trockensten Region Oberösterreichs (Linie Mauthausen – Freistadt 650 mm mittlerer Jahresniederschlag, Gegenteil feuchteste Region Ebensee 2500 mm Jahresniederschlag). Die Prognosen, die ich kenne, umfassen alle Möglichkeiten von: Es wird feuchter (allerdings mit Starkregenereignissen, die sofort oberflächlich abfließen) bis wir trocknen fast aus.
- Problematisch sind natürlich die vielen versiegelten Flächen, aus denen die Niederschlagswässer direkt in Gewässer abgeleitet werden oder in die Schmutzwasserkanalisation fließen (siehe weiter unten Kläranlage). Es gibt allerdings schon seit längerem Gegenmaßnahmen: Versickerungsmulden bei Parkplätzen, etc. Versickerungen stellen aber als solches ein Gefährdungspotential für das Grundwasser dar (problematisch im Fall von Gallneukirchen).
- Neben den versiegelten Flächen spielen auch die vielen Drainagen eine Rolle, die das Wasser ebenfalls schnell in die Gewässer ableiten.
- Die landwirtschaftlichen Flächen werden immer intensiver genutzt. Der höhere Feldanteil und die Verdichtung durch die großen Maschinen verhindern teilweise das Versickern der Niederschläge. Zudem kommt es dadurch zu Abschwemmungen von Humus in die Gewässer.
Gibt es Alternativen zur herkömmlichen Kanalwirtschaft? Werden auch in unserer Kläranlage Abwässer freigesetzt, die angeblich nicht restlos und fein genug geklärt werden können? Gibt es Maßnahmen für eine Verbesserung der gesamten Wasserbilanz, die die Gemeinden in der Region sofort umsetzen könnten (und die wenig kosten)?
Kläranlage des RHV Gallneukirchner Becken
Die Kläranlage unseres Reinhalteverbandes läuft relativ gut. Sie wurde mehrfach erweitert bzw. an den Stand der Technik angepasst. Es ist aber illusorisch anzunehmen, dass eine derartige Anlage alle Abwasserinhaltsstoffe entfernt. Darum gibt es Grenzwerte für die Ableitung. Die Grenzwerte umfassen aber nicht alle Einzelstoffe (im EU-Chemikalienregister sind ca. 100.000 gelistet). Die Reinigungsleistung unterscheidet sich, nicht nur bei der Gallneukirchner Anlage, je nachdem, welcher Parameter betrachtet wird, sehr deutlich.
Die Gallneukirchner Anlage hat zudem einige Probleme, die durch die räumlichen Gegebenheiten bestimmt sind:
- Da wir eine sehr trockene Region sind, ist das Wasserdargebot in der Gusen je Flächeneinheit niedrig. Dadurch ist die Verdünnungssituation bei der Kläranlageneinleitung nicht sehr gut.
- Der geologische Untergrund (Granit unter einer dünnen Erdschicht) im Guseneinzugsgebiet speichert nicht viel Wasser. Verstärkt wird dieser Effekt durch die Drainagen. Dadurch schwankt die Wasserführung in der Gusen deutlich. D.h., bei der Kläranlageneinleitung ist einmal eine gute und dann wieder eine schlechte Verdünnung gegeben.
- Die Kanalisation ist als Mischwasserkanalisation ausgeführt – darum gibt es oberhalb 16 Entlastungsbecken für große Regenmengen. Sollte das nicht reichen und die Anlage hydraulisch überfahren werden, würde sie monatelang ausfallen.
Einige Male habe ich schon von Problemen bezüglich der Eignung der Gusen als Badegewässer gehört. Für die Bewertungsgrundlage für die Eignung als Badegewässer sind bakteriologische Parameter ausschlaggebend. Aus den oben angeführten Gründen wird die Gusen nie eine derartige Eignung haben. Dabei spielt nicht nur die Kläranlage des RHV Gallneukirchner Becken, sondern auch noch die vielen anderen Kläranalgen eine Rolle (KA Reichenau, RHV Mittlere Gusen in Lungitz, KA Unterweitersdorf, KA Neumarkt im Mühlkreis, KA Hirschbach und viele Kleinkläranlagen).
Die Gusen soll renaturiert werden - was sind die Chancen einer solchen Rückbauung? Wie sinnvoll sind Kleinwasserkraftwerke in Gallneukirchen?
Direkt im Ortsgebiet sehe ich wenig Potential für eine Renaturierung, da hier immer der Schutz des Menschen vor Hochwässern den Vorrang haben wird. Für eine effektive Renaturierung müsste das Gewässer aufgeweitet werden. Die bestehende Hochwasserverbauung muss bestehen bleiben und die letzten freien Flächen entlang der Gusen wurden bzw. werden verbaut (hier hätte die Baubehörde ein Zugriffsrecht).
Zu den in letzter Zeit gehörten Ideen bzw. stattgefundenen Maßnahmen kann ich Folgendes sagen:
- Aktivierung der alten Mühlen in Form von Kraftwerksanlagen: Jeder Einstau stellt für sich schon einen wesentlichen Eingriff dar und hat einen schlechten Einfluss auf die Gewässerökologie. Anzustreben wäre eher die Auflösung der bestehenden Wehranlagen. Gemäß NGP sind sie ohnehin in den nächsten Jahren fischpassierbar zu machen. Schade ist nur, dass die Kosten dafür jetzt die Allgemeinheit tragen muss, da verabsäumt wurde, in Form von letztmaligen Vorkehrungen dies den Mühlenbetreibern (die viel Geld mit den Mühlen verdient haben) aufzutragen. Die „neuen“ Kraftwerksanlagen hätten zudem wegen der geringen Fallhöhe und des über die Fischaufstiege abzugebenden Restwassers einen sehr geringen Wirkungsgrad. Bei Niedrigwasserzeiträumen wären sie vermutlich abzustellen (ist eins der Hauptprobleme bei bestehenden Anlagen, da diese Vorgaben aus Gewinnstreben oft nicht eingehalten werden). In Summe sind die angedachten Kraftwerksanlagen nach meiner Einschätzung als Gegenteil einer Renaturierung anzusehen.
Räumung der Gusen: Diese immer wieder durchgeführte Maßnahme hat jedenfalls einen extrem starken negativen Einfluss auf die Gewässerökologie. Durch die niedrigere Wasserführung der Gusen bei Trockenheit und die Einstaue wird es immer wieder zu Ablagerungen von Feinsediment kommen. - Eine mögliche Maßnahme wäre, die Bäume entlang der Gusen möglichst gering zu nutzen und so zumindest eine halbwegs natürliche Beschattung sicherzustellen.
- Das Aufstellen von Tafeln ist nicht als Renaturierungsmaßnahme zu sehen.
Lieber Manfred, danke für die ausführliche Expertise.
Geologische Formation im Gallneukirchner Becken
Übertiefung des Beckens, natürlicher geologischer Umstand, Becken ist mit einem Gemisch aus Sand und Lehmlinsen gefüllt, Ablagerungen der Gusen, Sand ist grundwasserdurchlässig, Lehmlinsen sind nicht grundwassergängig, deshalb schwere Beurteilung der Grundwasserströmungsrichtungen (sowohl vertikal als auch horizontal).
Grundwassereinzugsgebiet der Brunnen Linzerberg
Gebiet ist zum Großteil verbaut (höhere Gefahr durch versickernde Abwässer, z.B.: undichte Kanäle, Unfälle auf den Straßen, undichte Lagereinrichtungen, …) Es bestehen alte undichte Drainagenleitungen, die Wasser umverteilen. Anspeisung teils direkt aus dem Ortzentrum unter der Gusen durch (ca. 60 %) und teils rechtsufrig entlang der Gusen (ca. 40 %)
Unsere Wasserversorgung in groben Zügen
Zwei Brunnenstandorte
Hauptbrunnen Linzerberg und Brunnen Klaus
Entsäuerungsanlage:
Calcium, Magnesium und Kohlensäure wird ausgetrieben
Hochbehälter
Einspeisung in zwei Behälter am Punzenberg – Verteilung auf Haushalte
Notversorgung aus der Mühlviertler Ringwasserleitung:
Absicherung der Brunnen
Schutzgebiet Zonen I – III
Entfernungsabgestufte allgemeine Beschränkungen bezüglich Düngerausbringungen, Lagerung von gefährlichen Stoffen und Baumaßnahmen
Kernzone: jeweils direktes Brunnenumfeld (Zone I)
Vorfeldsonden
2 Sonden direkt am ehem. Spar-Parkplatz bzw.
Billa-Markt – Regelmäßige Analysen von Brunnen- und Leitungswasser
gemäß Trinkwasserverordnung
Manfred Höfler
Der Gallneukirchner Manfred Höfler arbeitet beim Amt der OÖ-Landesregierung, Abteilung Wasserwirtschaft – Gewässergüteaufsicht. Dort beschäftigt er sich hauptsächlich mit Problemen von Gewässern aller Art, Gewässerverunreinigungen und Ursachenforschung für Fischsterben. Und führt Untersuchungen zu verschiedenen Spurenstoffen (derzeit PFAS, Medikamente etc.) durch.