Pride und Bierzelt – geht das gemeinsam?
Dieses Wochenende hatte kulturell einiges zu bieten.
Am Freitag begann es mit Drag-Bingo. Ich fand die Idee großartig: gemeinsam Bingo spielen, in einem Raum (Danke liebe Kurdirektion für diese tolle Veranstaltung) wo es egal ist, wen man liebt, wie man ausschaut und ob das Oberteil vielleicht ein bisschen mehr glitzert als gesellschaftlich vorgesehen.
Also habe ich etwas gemacht, das ich wirklich lange nicht mehr gemacht hatte: Ich hab meinen Kleiderschrank durchwühlt und habe die Abteilung „praktisch, alltagstauglich, smart casual und damit eigentlich überall unauffällig einsetzbar“ einmal ignoriert.
Stattdessen: Glitzerrock. Glitzeroberteil. Glitzerschminke.
Und ich hatte richtig Spaß dabei.
Hauptsächlich deshalb, weil ich wusste: Dort, wo ich hingehe, muss ich mir nichts denken, ob irgendjemand findet, dass ich zu bunt, zu auffällig, zu alt für Glitzer, zu irgendwas bin.
Es war ein mega lustiger, bunter und fröhlicher Abend.
Am Samstag ging es dann weiter mit der mittlerweile dritten Ischler Pride.
Ich finde es nach wie vor ziemlich großartig, dass es in einer Stadt wie Bad Ischl eine Pride gibt – und mittlerweile schon zum dritten Mal.
Ich kannte zu Beginn nicht viele Leute und war trotzdem innerhalb kürzester Zeit mit den unterschiedlichsten Menschen im Gespräch. Genau das mag ich daran: Da stehen junge Menschen in den buntesten Outfits neben Menschen, die auch gerade direkt aus einem Büro kommen könnten. Männer gehen Hand in Hand, Menschen mit Fetischehunden sind dabei, Familien, Freund, Menschen in völlig unterschiedlichen Altersgruppen und mit völlig unterschiedlichen Lebensentwürfen.
Niemand schaut komisch.
Auch bei der Parade hatte ich dieses angenehm seltene Gefühl: Ich musste mir keine Gedanken darüber machen, ob ich irgendwie „richtig“ aussehe. Hauptsache bunt. Hauptsache lustig. Hauptsache friedlich.
Entlang der Strecke war alles dabei. Menschen, die einfach neugierig zuschauten. Kinder. Leute auf Balkonen. Seniorinnen, die Regenbogenfahnen schwenkten. Andere wiederum mit einem Gesichtsausdruck, bei dem relativ eindeutig war, dass sie diesen Programmpunkt im Ischler Veranstaltungskalender nicht persönlich bestellt hatten.
Auch okay – die Demo findet 1x im Jahr für 2-3 h in der Stadt statt. Natürlich gibt es auch Veranstaltungen, mit denen ich persönlich nichts anfangen kann. Aber wenn ich weiß, wann und wo sie stattfinden, gehe ich ja auch nicht extra hin, stelle mich daneben und ärgere mich darüber, dass ich jetzt genau das anschauen muss, was ich eigentlich gar nicht sehen will.
Vielleicht ist die Pride für manche ein bisschen wie ein Faschingsumzug im Sommer. Vielleicht bleiben andere stehen, weil sie sich freuen. Vielleicht verstehen manche überhaupt nicht, warum es das braucht.
Aber sie findet statt. Menschen gehen gemeinsam durch die Stadt. Friedlich, bunt und ziemlich gut gelaunt.
Im Pride Village ging es genauso weiter. Essen, Getränke, Musik, Gespräche. Und immer wieder der Hinweis: Schaut aufeinander. Wenn sich jemand unwohl fühlt oder etwas nicht passt, bitte melden.
Eigentlich eine ziemlich simple Idee für eine Veranstaltung: Alle sollen sich wohlfühlen.
Und dann kam Programmpunkt zwei.
Seit wir in Ischl aktiv sind gehen Martin und ich zur Siegerehrung des Nass- Wettbewerbs im Pfandler Bierzelt.
Schon als Jugendliche sind wir gerne dorthin gegangen. Ich mag Bierzelte grundsätzlich. Wirklich. Musik, Leute treffen, zusammensitzen, ein bisschen zu laut miteinander reden – gehörte für mich als Ischlerin immer dazu.
Martin hatte schon seine Tracht an.
Ich wurde irgendwie nervös und dachte, soll ich mein gestreiftes Kleid anlassen?
Soll ich mich noch schnell umziehen? Bierzelt ohne Dirndl?
Und – die wichtigste Frage – soll ich noch die Regenbogen von meinen Wangen abschminken?
Und genau da hat es sich gedreht: Ein paar Stunden davor war meine größte modische Überlegung gewesen: „Brauche ich vielleicht noch mehr Glitzer?“
Jetzt dachte ich plötzlich darüber nach, ob zwei kleine Regenbogen auf meinen Wangen vielleicht „zu viel“ sein könnten.
Für ein Bierzelt. Somit ließ ich sie drauf und ging mit einem flauen Gefühl in Richtung Zelteingang.
Der Regenbogen entwickelte dort eine erstaunliche Strahlkraft.
Es gab Blicke. Ein paar halb lustige Bemerkungen. Auch aus politischen Kreisen wurde die Sache ein bisschen ins Lächerliche gezogen.
Nichts Dramatisches.
Niemand hat mich hinausgeworfen. Niemand hat mich beschimpft.
Aber ich merkte plötzlich, wie schnell man sich selbst beobachtet, wenn man das Gefühl bekommt, nicht ganz in das erwartete Bild zu passen.
Ich fand das spannend, aber leider auch ein bisschen unangenehm. Dieses Gefühl kenne ich aus anderen Situationen – zum Beispiel, wenn ich im Wirtshaus frage, ob es auch etwas Veganes zu essen gibt. Eigentlich eine völlig persönliche Entscheidung, die niemanden betrifft. Und trotzdem hat man das Gefühl, allein mit der Frage schon etwas ausgelöst zu haben. Genauso war es an diesem Abend mit dem Regenbogen auf meiner Wange.
In einem Bierzelt dürfen sehr viele Dinge völlig selbstverständlich sein. Sehr kurze Lederhosen. Sehr kurze Jeanshosen. Sehr große Bierkrüge. Sehr laute Musik. Sehr ausgelassene Menschen. Sehr traditionelle Kleidung. Sehr wenig traditionelle Kleidung.
Alles kein Problem.
Aber zwei kleine Regenbogen auf einer Wange?
Offenbar schon ein bisschen erklärungsbedürftig.
Ich werde fix wieder hingehen. Aber ich habe an diesem Abend zum ersten Mal verstanden, warum mir Menschen schon gesagt haben: „Bierzelt? Nein, das ist nichts für mich, da gehör ich nicht hin.“
Ich hab mir immer gedacht: Ah geh, ist doch voll lustig. Einfach hingehen.
Jetzt weiß ich aber, dass „einfach hingehen“ gar nicht so einfach ist.
Und vielleicht ist das ja die eigentliche Erkenntnis dieses Wochenendes.
Bei der Pride geht es gar nicht darum, dass alle besonders bunt sein müssen. Du kannst im Glitzerrock kommen. In Tracht. In Jeans. Im Anzug. Mit Regenbogen. Ohne Regenbogen. Händchenhaltend mit wem auch immer. Oder einfach alleine, weil du neugierig bist.
Niemand verlangt, dass du dich vorher fragst: „Kann ich so hingehen?“
Es wäre so schön, wenn genau dieses Gefühl irgendwann auch an ganz anderen Orten selbstverständlich wäre. Auch im Bierzelt.
Denn eigentlich schließen sich Pride und Bierzelt überhaupt nicht aus. Wir Grünen waren an diesem Samstag bei beidem. Und nach dem Bierzelt ging es für uns wieder zurück zur Pride.
Vielleicht muss eben nicht immer alles schwarz oder weiß sein. Man kann Tradition mögen und trotzdem Vielfalt feiern. Man kann ins Bierzelt gehen und einen Regenbogen auf der Wange tragen. Das eine nimmt dem anderen überhaupt nichts weg.
Als ich wieder im Pride Village ankam, waren meine Regenbögen noch da – etwas verschmiert und ein bisschen mitgenommen nach einem langen Tag. Aber dort waren sie plötzlich wieder einfach nur Regenbögen auf meinen Wangen.
Und genau dieses Gefühl wünsche ich mir für jeden Menschen.