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07.10.2026 Allgemein

Die Norm im Kinderbuch ist männlich - ein feministischer App

Stadtbücherrei Wels

Die Norm im Kinderbuch ist männlich – ein feministischer Appell an die AutorInnen dieser Welt

 

Winnie Puuh kennt jeder. Die meisten Eltern haben auch schon von Pixi dem Wichtel und seinen Freunden den Waldtieren gehört. Durftet ihr bereits Lino Dino auf seiner Reise ins All zu anderen Planeten begleiten? Oder habt ihr euch auch über die geniale Maus gewundert, die die gefährlichen Beutetiere und den Grüffelo reinlegt?

 

Was haben diese Kinder-Geschichten, außer ihrer liebevollen kreativen Kraft, alle gemeinsam? Es sind hauptsächlich Buben und Männer, die diese Abenteuer erleben. Die sich in unsere Köpfe einprägen, die jahrelange Begleiter in der Kindheit sind. Winnie Puuh ist sowieso nur mit Buben unterwegs und erlebt mit Tigger, Ferkel, Ruh, I-Aah, Rabbit und dem Kind Christopher Robin viele Abenteuer, feiert Feste und ist immer wieder auf der Suche nach frischem Honig. Sogar DIE Eule in der Geschichte, ist ein Mann. Als einzige Frau tritt Kanga in Erscheinung. Die Kanguru-Mama von Ruh, in ihrer Nebenrolle. Jede Geschichte hat seine Geschichte – Autor A. A. Milne hat 1926 die Kuscheltiere seines Sohnes Christopher Robin zum Leben erweckt.

 

Tierfiguren in Büchern sind oft männlich, wobei gerade hier die frei erfundene Besetzung vielfältig sein könnte, die Fantasie würde all das zulassen. Bei Pixi und seinen Freunden Erich Igel, Hase Langbein, Umbärto Bär, Ricky Waschbär und seinem Widersacher dem Fuchs, treten ebenso hauptsächlich Männer in Erscheinung. Doch da gibt es auch Wilma Wildkatze. Sie ist eine liebenswerte Heldin, die nicht nur durch ihr Geschlecht hervorsticht. Wäre da nicht wieder das Prinzip der EINEN Frau, die auftreten darf. Es darf nur eine geben. Stellt euch vor, es wäre eine Gruppe Frauen, von denen die spannenden Geschichten handeln. Manchmal tritt vielleicht ein Mann in Erscheinung. Aber das ist ein besonderer Einzelfall, der hervorsticht. Können wir uns das vorstellen? Es verlangt beinahe etwas an Hirnakrobatik. Wir sind eben alle, nicht nur durch Kindergeschichten, entsprechend geprägt.

 

Natürlich gibt es auch viele Geschichten, in denen Mädchen ihre Abenteuer erleben. In den Märchengeschichten der Brüder Grimm, modernisiert durch Disney und Pixar sind es vor allem Prinzessinnen und Heldinnen, die im Vordergrund stehen. Wenn es nicht gerade wie bei Merida um emanzipierte junge Thronfolgerinnen geht, die sich einmal nicht fügen und einer vorteilhaften Heirat mit einem Wildfremden zustimmen wollen, folgen die meisten Verfilmungen von Kinderbüchern (soweit ich das aus meiner Kindheit noch in Erinnerung habe) oft demselben Muster. Wir begleiten eine junge, hübsche Prinzessin auf ihrem Weg in eine Ehe mit irgendeinem Prinzen oder König. Hoffentlich verstehen sich die beiden am Ende auch. Man stelle sich vor, eine der beiden ist ein Trekkie, der andere liebt Star Wars. Kaum vorzustellen. Bei den 70-er und 80-er Jahre Star Wars Geschichten begegnen wir übrigens dem gleichen Prinzip – in der Gruppe der Abenteurer darf es nur eine Frau geben. Man stelle sich auch hier für einen Moment das umgekehrte Prinzip vor, die Jedimeisterinnen und Padawinen unterwegs im All, ein junger Prinz begleitet sie.

 

Doch es gibt auch Lichtblicke. Wo wir gerade bei Star Wars waren – in den Filmen der 2010-er Jahre gibt es die Frau Rey als Titelheldin. Auch der Roboter BB-8 darf weiblich sein. Viele Animationsfilme tauchen mittlerweile tiefer in die Charaktere und Motive der Protagonisten ein, zukünftige Paare dürfen sich vorher auch kennenlernen (Rapunzel – neu verföhnt) oder es geht einmal vorrangig um Geschwisterliebe (Die Eiskönigin), um eine emanzipierte, kurzzeitig entmachtete Thronfolgerin anstatt einer Sex-Sklavin für Dschafar (Aladdin, 2019) oder um die Liebe einer Bezugsperson zum Kind (Maleficent – die dunkle Fee). Und um die Vorgeschichte – warum ist die Hexe oder die böse Fee noch einmal böse?

 

Feuerwehrmann Sam durfte sich auch weiterentwickeln – und hat am Ende ein engagiertes Rettungsteam mit vielen beliebten Protagonistinnen und Protagonisten, auch im Rollstuhl, anstatt ausschließlich des Feuerwehrmanns und des Unruhestifters Norman Price im Vordergrund. Die Paw Patrol Hunde-Gruppe hat auch so manche Damen aufzuweisen. In der Hauptgruppe ist Skye dabei. Die EINE Frau. Immerhin gibt es auch DIE Bürgermeisterin, Bürgermeisterin Gutherz. Wie wir aus der Realität auch in Bad Ischl wissen, sind Frauen in der Spitzenpolitik oft unrealistischen Erwartungen ausgesetzt, die sie ohnehin nie erfüllen können. Alle haben eine Meinung dazu, wie sich eine Frau in der Öffentlichkeit zu verhalten habe, von ihrer Arbeitsleistung bis ins Privatleben. Stehen Männer gleichermaßen auf dem Prüfstand?

 

Bei Ratatouille zeigt uns die einzige Köchin sehr eindrucksvoll, dass sie die EINZIGE am Set ist, was hart genug ist und ihr ein dahergelaufener Bursche, der Glück hatte, nicht auf ihre Kosten den Erfolg stiehlt. Und weibliche Ratten scheint es sowieso keine zu geben, schon gar keine, die kochen können.

 

Moritz Moppelpo, das Hasenkind, lernt uns in seinen Erlebnissen, wie Kinder es schaffen können den Schnuller loszuwerden, aufs Töpfchen zu gehen, allein bei den Großeltern zu übernachten oder einzuschlafen, wie das mit dem Zähneputzen und dem Geschwister bekommen so ist. Und mit dem Nein sagen und wütend sein. Wobei, ich muss mich korrigieren. Nicht Moritz Moppelpo lehrt uns das, sondern seine Freundin, das Dachsmädchen Lene. Sie ist das scheinbar erwachsene Gewissen von Moritz und weiß, was wir Eltern schon lange wissen. Moritz probiert es dann auch aus, mit Erfolg. Lene ist ganz schön klug. Sie spiegelt für mich ein bisschen das wider, was von Mädchen im Alltag auch oft erwartet wird. Brav zu sein, Verantwortung zu übernehmen für die eigenen Gefühle. Erwarten wir das auch oft genug von den Buben? Jedenfalls ist Lene Moritz einzige tierische Freundin. Außer der Mutter und Schwester, sind natürlich alle anderen Tierkinder am Spielplatz Buben. Der Vater glänzt hingegen als Betreuungsperson, bis auf den Gute-Nacht-Kuss, durch Abwesenheit.

 

Die Connie Geschichten sind für mich ein großer Lichtblick. Sie erzählen von so vielen Momenten, Erlebnissen, Höhen und Tiefen des Alltags einer Familie, mit viel Lernpotenzial. Pippi Langstrumpf gibt mir Kraft. Gelegentlich finde ich neue Lese-Lerngeschichten mit mutigen Heldinnen. Wie zum Beispiel Prinzessin Phillipina, die in ihren Abenteuern fliegende Pferde befreit, einen Ausflug ins Land der Riesen wagt und einen Prinzen vor dem Drachen rettet. Als seine königlichen Eltern dann fragen, ob die Retterin Philippina ihren Sohn nicht gleich heiraten will, sagt diese, vielleicht später einmal. Dabei muss ich schmunzeln.

 

Ich wünsche mir mehr davon. Ich wünsche mir, dass AutorInnen beim Vermenschlichen von Tiergestalten, auch Frauen und Mädchen vorkommen lassen, auch einmal in der Überzahl. Das Überraschende ist ja, dass viele der Kinderbücher von Frauen geschrieben und illustriert sind. Doch wenn es darum geht, Titelheldinnen und -helden zu erfinden, sind es Buben. Moritz Moppelpo, Rabe Socke, Leo Lausemaus, Bobo Siebenschläfer, Pixi, Harry Potter. Es geht so weit, dass ich mir bereits selbst überlegt habe, Kindergeschichten zu schreiben.

 

Bis auf meine Reisetagebücher, etliche Artikel für Zeitungen oder Gemeinderatsreden, habe ich noch nicht viel Erfahrung im Schreiben. Deshalb setze ich mich hin und befrage die KI zu der Thematik. Meine Anfrage an Claude AI: „Ich wünsche mir mehr Kinderbücher mit weiblichen Figuren, Heldinnen, Alltagsheldinnen, Frauen und Mädchengruppen (nicht lauter männliche Tierfiguren und eine weibliche). Ich möchte, dass meine Kinder sich in den Geschichten besser wiederfinden und daraus Mut schöpfen können. Ich denke daran, selbst Kurzgeschichten für Kinder zu schreiben und zu illustrieren.“ Und frage weiter, wie ich das angehen könnte, um viele Familien zu erreichen und auch um Geld damit zu verdienen. Claude sagt, dies sei ein wertvolles Anliegen – und ein Markt, der wirklich Nachfrage hat. Und zeigt mir ein paar konkrete Wege mit den Stichworten: Content-Strategie, Weg zum Markt, Reichweite aufbauen, Geld verdienen. Dann fragt mich der Sprachassistent, ob er mir bei einem ersten Konzept helfen soll – z.B. Zielgruppe, Format, und eine erste Geschichte entwickeln soll – „ja bitte“, schreibe ich (ich bin stets höflich gegenüber der KI) – nach Multiple-Choice Auswahl meinerseits zur Konkretisierung von Zielgruppe, Thema und Protagonistin (eine Heldin + gemischte Nebenfiguren) bekomme ich ein erstes Konzept mit der Titel-Idee: Mia und die kleine Werkstatt. Mia ist 4 und erfindet und werkt gerne. Sie gefällt mir. Dann lese ich die Ideen zu den Nebenfiguren: ihr kleiner Bruder Tom (der alles kaputt macht, aus Versehen), Opa (der ihr zeigt, dass ausprobieren wichtiger ist als Perfektion), ein Nachbarshund Bruno. Und weiter noch die Idee und Kernbotschaft der Geschichte. Claude bietet mir auch an, daraus einen fertigen Bilderbuchtext zu schreiben, Seite für Seite, oder ein paar Skizzenideen für Illustrationen zu erstellen. Wow, das volle Programm. Ich schreibe zurück: „Neben Mia kommen nur Männer vor, dabei sollen mehr weibliche Figuren vorkommen als männliche, gerade weil es sonst oft umgekehrt ist.“ Claude meint; guter Punkt, das war mein Fehler – genau das wolltest du ja vermeiden. Hier die überarbeitete Besetzung: …

 

War das Claudes Fehler? Oder ist es unser aller Fehler. KI-Sprachassistenten basieren auf Texten von Menschen. Sie sind ein Abbild unserer Kommunikation. Und unserer Amazon-Bewertungen. Sie spiegeln uns Menschen, mehr oder weniger repräsentativ, wider. Wie soll Claude gleich unter den existierenden Beispielen jene finden, die ich suche. Die erste Antwort bildet wohl eher den Durchschnitt ab. Der Durchschnitt ist männlich. Nicht nur in der Literatur, sondern auch in der Medizin, im Sport (siehe aktuell „ÖEHV-Frauen drohen Verband mit Boykott“ und „Restbestände der Männer als Team-Wear, die uns natürlich nicht gut passen“), in den Anforderungen an den Arbeitsmarkt, in der Religion. Mich als Frau stimmt das, seit ich dies in Erfahrung bringe, traurig. Ich will Fairness. Ich will in meiner Welt vorkommen, eine Rolle spielen und mich nicht durch Ableitung vom männlichen definieren müssen.

 

Meine Kinder sollen durch Fabeln ermutigt und gestärkt werden. Ich würde ihnen durch das geschriebene Wort gerne Selbstbewusstsein impfen, zeigen, dass sie Abenteuer erleben und sich gegenseitig unter Frauen stärken dürfen. Zusammenhalt. Fairness. Ich wünsche mir, dass sie sich zutrauen Astronautinnen zu werden, Baggerfahrerinnen, Ärztinnen, Pädagoginnen, Autorinnen, Bundeskanzlerinnen. Vielleicht haben auch sie einmal eine Familie und Kinder, und (im Gegensatz zu unserem derzeitigen Bundeskanzler Christian Stocker) eine Ahnung davon, was es heißt, der Mehrfachbelastung von Familie und Beruf samt politischem oder ehrenamtlichen Engagement ausgesetzt zu sein. Würden sie ernsthafte Maßnahmen zur Verbesserung ergreifen, wie bessere Bezahlung für Elementarpädagoginnen (hier wird der Grundstein der Erziehung unserer Kinder und einer erfolgreichen Volkswirtschaft gelegt), flächendeckendes Betreuungsangebot, Lohntransparenz einfordern? Karenzmodelle zur fairen Aufteilung der Kinderbetreuungszeit etablieren? Kinderbücher vorlesen, in denen Heldinnen und Helden gleichwertig vorkommen. Vielleicht.

 

Dieser Artikel ist sicher nicht vollständig im Sinne der Geschichten, die unseren Kindern zur Verfügung stehen. Bibliothekarinnen (in der Pfarrbibliothek Bad Ischl sind es hauptsächlich Frauen) würden jetzt viele Beispiele kennen, die es bereits besser machen. Die Geschichten, auf die ich mich beziehe, sind jene, die mir im Laufe meiner Elternschaft bereits untergekommen sind. Geschichten, die meine Kinder beim Einschlafen begleiten. Mit Figuren, in die sie sich hineinfühlen, mit denen sie sich identifizieren können. Von Fantasiereisen über konkrete Lebensentwürfe bis zu Berufsbildern. Geschichten, die wir erzählt bekommen und weitererzählen oder vorlesen, sind ein Grundstein im Zuge des Großwerdens. Sie sind oft ein moralischer Kompass, der uns den Weg zeigen kann in vergleichbaren Situationen. Sie zeigen uns, woher wir kommen und wohin wir gehen. Ich wünsche unseren Geschichten mehr feminine Kraft. Dass diese auf die Töchter unserer Erde überspringen kann.