Bezirkegruene.at
Navigation:
am 8. Juli

Zur Einkehr

ooe.planet Redaktion - Die Summe der Meinungen und angerissenen Themen, die im Verlauf des Tages in einer Gaststube herumschwirren, ist unvergleichlich größer als das scheinbare Durcheinander der Assoziationen in diesem Essay.

Über Stammtische sollen IndividualistenInnen mangels Erfahrung ohne Not keine Urteile fällen. Aber so viel steht fest: Ziemlich laut können sie sein. Und egal, ob es wirklich ein "Stammtisch" oder nur sonstwie der "Tisch für den ansässigen Stamm" ist, von welchem diese Signale ausgehen, wenn man als Ortsfremdling (oder Milieu-Fremdling) eintritt, die einem sagen, ob man sich wohl fühlen wird oder nicht. Und man kann sich zuweilen sehr wohl fühlen – überall auf der Welt. Was nicht zuletzt meist auch an denen liegt, die die Stätte betreiben; an der Art, wie sie es tun. Und in welchem Sinne als Doppeldienst an der Allgemeinheit und an den Individuen sie dieses ihr Tun verstehen. Und wenn es nicht klappt, kann man nun einwenden, gehst du eben wieder davon. Was zu Fuß aber nicht immer so einfach sein wird. Denn wir reden hier davon, das Wirtshaus und Gasthaus in seinen Urfunktionen zu nützen, nämlich als Wegstation. Labung, Unterkunft; je nachdem.

"Ohne Strom ka Essigwurscht"

Daraus folgt die Präambel sämtlicher "Wünsche deR GästIn": Wo ein Wirtshausschild prangt, sollte auch tatsächlich ein Wirtshaus betrieben werden und nicht bereits seit Jahrzehnten keines mehr existieren. Weiters sollen nicht sämtliche Gastronomiebetriebe im Umkreis von 20 Kilometern den selben Schließtag haben. Es gibt löbliche Beispiele, wo man sich abspricht im Ort – ist der eine auf Urlaub, ist der andere Wirt sogar an seinem üblichen Schließtag im Dienst. Sonst nimmst du vieles in Kauf. In Irland gibt es viel Regen und viele Pubs. In diesen Pubs allerdings nirgendwo Kleiderhaken für das nasse Gewand. Und im Gegenzug kann man dort meistens nur Flüssiges und nichts Festes bestellen.

Irgendwann im Mühlviertel hatten wir Essigwurst bestellt, lange gewartet; dann kam die Frage, ob's nicht was anderes sein darf, der Strom wäre ausgefallen und mit diesem die Wurstschneidemaschine. Zuletzt kam die Essigwurst doch, nicht weil man das Messer händisch geführt hätte, wie wir angeregt hatten. Nein, der Strom war wieder da, wie uns stolz mitgeteilt wurde.

Feinstofflich eingraviert

Die Fähigkeit, Einkehrsuchende aufzunehmen, muss den Wirtshäusern irgendwie feinstofflich eingraviert sein. Das Paar mit dem Kind war auf einem Wanderausflug unterwegs, das Kind, zwischendurch müde vom Gehen, im Kinderwagen eingeschlafen. Man betrat behutsam eine Gaststube, die lärmlos, weil leer war, und wurde nach der Bestellung gefragt – das Kind schlug die Augen auf, um ansatzlos und deutlich zu sagen: Ich möchte einen Apfelsaft gespritzt. Wie immer; aber woher wusste das Kind ansatzlos, wo es in diesem Augenblick war?

Die Geschichte vom Apfelsaft hatte und hat in der kleinen Familie verständlicherweise das Zeug zu einer Wirtshauslegende. Und vielleicht ist heute jedes Wirtshaus, das existiert, ja ein Wirtshauswunder. (Und ich bewundere sie alle, für ihren Einsatz und ihre Ausdauer.) Apropos Wunder:

Die Kunst der Story

Heutzutage würde Gott seinen Sohn einem Wirtsehepaar in die Wiege bugsieren (abgesehen davon, dass schon Maria und Josef in einer biologischen Bedeutung des Wortes für Gottes Vorhaben ein Wirtsehepaar waren). Jesus als überzeugendes Rollenmodell für die Wirtin, den Wirt: Mit seinem Händchen für gute Weine und seinem Herz für die benachteiligten Schichten. Mit seinem losen Mundwerk gegen die Mächtigen und stets einer aufmuternden Pointe auf bessere Zeiten to come. Und schließlich mit seinen pointierten Geschichten, die man lange, sehr lange noch weiter erzählen kann.

Nachdenklicher Schluss

Leider drängt sich da eine hartnäckige, traurige Assoziation in den Text. Nämlich ein Film über den "Fall Jägerstätter". Das Wirtshaus als Hort der sozialen Kontrolle: Wer echt gegen Hitler war, dort fiel es auf; am Stammtisch.

Im Automaten-Bistro kann dir das nicht passieren. Da gibt es nur Nischen (vielleicht), um sich hinzusetzen. Dafür 24 Stunden am Tag; irgendwann vielleicht gibt es auch Schlafboxen dazu. Man dürfte einigermaßen unbehelligt dort sein. Sofern man geneigt ist, sich unter den Glaskugelaugen von Überwachungskameras unbehelligt zu fühlen. Und man wird dort nicht viel von den Leuten, den Wirtsleuten zumal, über die Gegend erfahren, so ganz subjektiv und mit Lokalkolorit ... wie es war, wie es ist.

Schad wär's darum!

Text: Christian Krall

Sperrstunde fürs Wirtshaus?

Das Jammern allein nützt nichts, die WirtInnen sind selbst aufgefordert, kreative und innovative Antworten auf die zahlreichen Herausforderungen zu finden.

Viele tun es ja auch. Wirtshäuser sind hoch emotionale Orte. Die neuen sozialen Medien können diese Emotionalität aber nicht ersetzen. Der Wunsch nach Geselligkeit, persönlichem Austausch und nach sozialem Eingebundensein, scheint ein wichtiger Aspekt zu sein, nach dem auch die jüngere Generation verlangt.

Dieses Bedürfnis leben junge Menschen heutzutage meist an anderen Orten aus, in Diskotheken, Bars, auf selbstorganisierten Feiern. Gute Ideen und kreative Konzepte der WirtInnen sind gefragt, damit die Jungen wieder öfters im Wirtshaus vorbeischauen.

aus: Genuss mit Geschichte – Grundlagenstudie zur Wirts- hauskultur in Bayern, erstellt von der Universität Eichstätt- Ingolstadt, 2013

Jetzt spenden!