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am 11. Juni 2015

Weitblick statt Tunnel: Pläne für Hinterstoder

Maria Buchmayr - Unsere Pläne zur Zukunft der Tourismusregion Hinterstoder/Wurzeralm.

Seit 2010 ist öffentlich bekannt, dass der Unternehmer und ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel die Skiverbindung Höss-Hinterstoder über Vorderstoder mit der Wurzeralm plant. Aufgrund des massiven öffentlichen Widerstands bliesen die ProjektwerberInnen das erste Projekt mit der Trassenverbindung über das Warscheneck wieder ab. Seit Herbst 2014 nehmen sie einen neuen Anlauf: Diesmal soll ein 4,5 Kilometer langer Tunnel vom Schafferteich hinauf ins Frauenkar die beiden Skigebiete verbinden. Das Zwischenstück wird durch sechs neue Liftanlagen hinauf zur Steyrsbergreith und zur Schmidleitenreith unter Einbindung der Hackl-Lifte bewältigt. Die ProjektbetreiberInnen erwarten sich mit einer Investitionssumme von mindestens 150 Mio. Euro einen deutlichen Zuwachs von Gästeeintritten und Wertschöpfung.

Die Zukunft von Skigebieten unterhalb von 1.300 Höhenmetern ist in Österreich bedingt durch den Klimawandel aber kritisch zu sehen. Sämtliche neuen Pistenkilometer liegen unterhalb von 1.300 m Seehöhe. Aufgrund der tiefen Lage braucht es für die geplanten 70 Hektar umfassenden Pisten eine permanente künstliche Beschneiung. Dafür benötigt die Skischaukel viel Wasser. Als Reservoir für die Schneekanonen sollen vier neue Speicherteiche entstehen. Das kühle Nass wird aus der Steyr und ihren Zubringern gepumpt.

Weiters sollen zwei große Parkplätze entstehen: Einer in unmittelbarer Nähe zum Schafferteich mit für 1.600 PKW, ein zweiter im Bereich der "Schling" auf der Schmidleitenreith für 1.300 PKW.

Für die nachhaltige, zukunftsfähige Weiterentwicklung des Tourismus in der Pyhrn-Priel-Region bevorzugen wir den Ausbau des Ganzjahres-Tourismus und die Modernisierung der Infrastruktur auf der Wurzeralm. Eine Fokussierung der Investitionspläne auf den Ausbau des Winterski-Tourismus in Vorder- und Hinterstoder bringt die Region nicht weiter, weil Klimaprognosen, Wirtschaftlichkeitsberechnungen und demographische Entwicklung dem widersprechen. Im gesamten Alpenraum stellen sich Tourismusregionen schon jetzt um: Vom Winter- hin zum Sommertourismus, besonders in tiefen Lagen. Wir brauchen Weitblick und keinen Tunnelblick!

Im Tourismusprogramm der Region und in vielen Köpfen dominiert aber immer noch die Vision, dass die Schigebiete Wurzeralm und Hinterstoder verbunden werden sollen um mit anderen Schigebieten in OÖ konkurrenzfähig zu bleiben. Hier braucht es einen Schwenk im Denken und Handeln. Dann profitiert auch die Region langfristig davon. Abgesehen von den Skigebiets-Verbindungsplänen finden wir die anderen vorgeschlagenen Maßnahmen des Masterplan 2020 der Region Pyhrn-Priel sehr sinnvoll. 

Konkret schlagen wir für die Region Hinterstoder, Vorderstoder und Wurzeralm folgendes vor:

Wurzeralm-Infrastruktur modernisieren

Die Wurzeralm, ein schneesicheres, bestehendes Schigebiet wird derzeit vernachlässigt und es wird der Eindruck vermittelt, als ob alle Erneuerungen vom Zusammenschluss der Wurzeralm mit der Höss abhingen.

Wir fordern, dass die bestehende Infrastruktur auf der Wurzeralm modernisiert wird. Dazu zählt der Sessellift ins Frauenkar, der nur zweisitzig und langsam ist und keinen ausreichenden Schutz gegen Wind, Kälte oder Nässe bietet. Auch inhaltlich braucht das Angebot eine Attraktivierung: Im Winter sollte sich die Region als Gebiet fürs Familienskifahren, Skitourengehen, Winterwandern, Schneeschuhwandern und Langlaufen (z.B. unter dem Slogan "Allround-Familien-Winter-Fit-Arena") positionieren. Im Sommer bietet sich der Ausbau zur "Familien-Erlebnis-Alm" an. Es geht hier um einen Ausbau der Stärken und das Ausnutzen naheliegender Potentiale, so wie das auch im Masterplan 2020 der Region Pyhrn-Priel vorgeschlagen wird.

Tourismus in Vorderstoder und Hinterstoder neu orientieren

Die Gewohnheiten der WintersportlerInnen ändern sich: Bereits jetzt fahren rund die Hälfte der Winternächtigungsgäste in der Region nicht mehr Alpinski. Viele WintersportlerInnen kommen wegen der zauberhaften und unberührten Landschaft, um Ruhe und Entschleunigung sowie ehrliche Gastfreundschaft zu erfahren, weitab von Industriegebieten oder Massentourismus. Das ist die Zukunft im heimischen Tourismus, und das zeigen auch TourismusforscherInnen seit langem auf.

Aufgrund der der Klimaerwärmung ändern sich die Urlaubsgewohnheiten weiter: Laut aktuellen Studien ist unter 1.300 m Seehöhe kein sicherer Schneedeckenaufbau möglich und im Sommer werden höhere Lagen durch wärmere Temperaturen für den Tourismus erschließbar.

In der Tourismusbranche bedarf es daher vor allem für den Wintertourismus aufgrund des Klimawandels einer grundlegenden Änderung des Geschäftsmodells. Wegen der Schneeunsicherheit in den tiefen Lagen der Pyhrn-Priel-Region müssen Alternativangebote entwickelt werden, die dafür sorgen, dass die Abhängigkeit vom Skitourismus reduziert wird und die Angebote in Richtung Ganzjahrestourismus flexibilisiert und diversifiziert werden. Das entspricht auch dem Masterplan 2020 der Region Pyhrn-Priel. Diese Maßnahmen sollen auch den Herbst- und Frühjahrstourismus, also die Vor- und Nachsaison stärken.

Konkret sehen wir folgende Potentiale, die gegenüber der aktuellen Situation noch stärker genutzt werden können:

  • Emotion statt All-Inclusive: Gäste suchen die Einfachheit, "das Echte"
  • in der Betonung regionaler Besonderheiten, wie z. B. Kultur, Handwerk, Bio-Lebensmittel, Landschaft (Gäste suchen das Ortstypische);
  • im gemeinsamen Erleben, Draußensein und Naturerleben als ein gesundheitsfördernder Wert und als Gegenpol zu unserer virtuellen und hektischen Welt; 
  • in der Befriedigung von Genuss, wo auf Individualität der Gäste Rücksicht genommen wird (Gäste suchen Entspannung und Gesundheit - Wellness);  
  • in der umweltfreundlichen und klimaschonenden Anreisemöglichkeit und der Sicherung von Mobilität vor Ort; 
  • in der breiteren terminlichen Streuung, um zu den Ferienzeiten die zeitlich konzentrierten Tourismusströme zu entzerren (schrittweise Ausdehnung der Wandersaison von derzeit Mai auf März oder April und bis in den späten Herbst hinein)

Projektideen für die gesamte Region

Wenn der Schnee nicht mehr zum Skifahren ausreicht, muss man eben andere Wege gehen. Das ist der nachhaltige Tourismus, den wir propagieren: Natur erleben. Es ist beispielsweise auch ein tolles Erlebnis, bei wenig Schnee durch die Natur zu wandern (mit und ohne Schneeschuhen) oder auch bei kalten Temperaturen mit dem Mountainbike zu fahren.

Konkret wäre folgendes möglich:

  • Vorderstoder wird "BergsteigerInnendorf" nach der Initiative des Alpenvereins. Hinterstoder ist bereits Mitglied der Kooperation "Alpine Pearls". Die derzeit 27 Perlen der Alpen werben mit nachhaltigem Urlaub im Einklang mit der Umwelt (www.alpine-pearls.com/ ). 
  • Wiederbelebung des geschlossenen Tierparks Enghagen mit dem Kinderspielpark 
  • Erneuerung und Ausbau des Hallenbads Spital am Pyhrn (wie es der Masterplan vorgesehen hat) 
  • Sicherung der Finanzierung der Biathlon- & Langlauf Arena Pyhrn-Priel in Rosenau am Hengstpass. Zusätzlicher Ausbau zu einem Kompetenzzentrum für nordische Sportarten. Weltweit praktizieren viel mehr Menschen nordischen Wintersport als Alpinskilauf.
  • Aufbau eines Holzkompetenzzentrums rund um die Türenfabrik Dana und den Furnier-Hersteller Rohol sowie sonstiger Tischlereien in der Region.

Tunnelprojekt inklusive reinem Skitourismusausbau abblasen

Viele Argumente sprechen gegen den Bau eines rund 4,7 km langen Tunnels quer durch das Warscheneck. Aber auch die Erweiterung des Skigebiets Höss-Hinterstoder zur Wildalmleiten bzw. den Anschluss von Vorderstoder an die Höss ist einseitig gedacht. 

Problematisch sind insbesondere:

  • die Schneeunsicherheit und die dafür geplante künstliche Beschneiung, da alle Pisten von der Höss nach Vorderstoder unter 1.200 m Seehöhe liegen. Die Beschneiung hat negative Folgen auf den Wasserhaushalt und erhöht die Betriebskosten für wenige Pistenkilometer (<4 km) überproportional. 
  • die Beeinträchtigung des harmonischen Landschaftsbildes durch technische Infrastrukturanlagen und dadurch Einbußen im Sommertourismus.

Wir lehnen diese massiven Ausbauprojekte ganz entschieden ab. Bei ergänzenden Anlagen muss genau analysiert und abgewogen werden. Grundsätzlich sehen wir künstliche Beschneiung aufgrund des hohen Wasser- und Energieverbrauchs aber sehr kritisch – vor allem in den schneeärmeren niedrigeren Regionen unter 1.300 Höhenmetern. Nur wenn Pisten punktuell künstlich beschneit werden müssen, um den Skibetrieb zu ermöglichen, ist das vertretbar. Hier sind der Natur- und Landschaftsschutz ein wichtiger Rahmen. Und wir glauben, dass sich die Investitionen in diese Technologien aufgrund der zukünftigen klimatischen Bedingungen auf Dauer nicht rechnen werden.

Finanzierung

In der Vergangenheit sind viele Projekte und Qualitätsoffensiven an der Finanzierung gescheitert. Für das Tunnelprojekt sind auf einmal mehrere dutzend Millionen Euro aus dem öffentlichen Fördertopf kein Problem mehr? Dabei könnten mit einer solchen Summe viele kleine Unternehmen und Initiativen gefördert werden, die im Einklang mit Mensch und Natur stehen. Wir fordern deshalb, dass Steuergeld künftig nur für wirtschaftlich nachhaltigen und naturnahen Berg- und Kulturlandschaftstourismus eingesetzt wird.

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