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am 7. März

Risiken von Laufzeitverlängerungen alter AKW

Rudi Anschober - Wir warnen vor signifikant erhöhtem Risiko und fordert EU-Regeln zur Begrenzung der Laufzeitverlängerungen.

–​Die "Allianz der Regionen für einen europaweiten Atomausstieg"- 16 europäische Regionen mit 50 Millionen EinwohnerInnen- präsentiert heute in Brüssel im Europaparlament die erste internationale Studie über die Risiken der Laufzeitverlängerungen alter Kernkraftwerke.
Nichts geht mehr beim Neubau von Atomkraftwerken - daher setzt die Atomindustrie trotz bereits veraltetem Kraftwerkspark auf Laufzeitverlängerungen für alte AKW- etwa in Tschechien, der Slowakei, Ungarn, Schweden, Belgien und anderen Ländern.

Schon jetzt ist der Kraftwerkspark innerhalb der EU in die Jahre gekommen: Die 125 Reaktoren haben ein Durchschnittsalter von 33,4 Jahren. Alternde Atomreaktoren sind sehr anfällig für Unfälle und die Menschen in Europa sind diesen steigenden Risiken täglich ausgesetzt.

Der vorliegende erste Zwischenbericht der umfassenden Studie, die von der INRAG (International Nuclear Risk Assessment Group) unter Mitarbeit von 15 Top-ExpertInnen aus sechs Ländern erstellt wurde, untersuchte in den vergangenen Monaten die Bedeutung der Alterung von Atomkraftwerken, den Umgang mit den Risiken gealterter Anlagen und die geforderte kontinuierliche Erhöhung des Sicherheitsniveaus von Atomkraftwerken in Europa generell und anhand einzelner Fallbeispiele.

Grundaussagen des heute präsentierten ersten Zwischenberichts:


Der Weiterbetrieb von Altanlagen erhöht die nuklearen Risiken in Europa.
Die Alterung birgt ein deutlich erhöhtes Risiko für radioaktive Freisetzungen und schwere Kernkraftwerksunfälle. Dieses deutlich erhöhte Risiko wird durch den Weiterbetrieb von Altanlagen durch Laufzeitverlängerungen nochmals deutlich  erhöht. Daran können auch teilweise Nachrüstungen wenig ändern.

Die nuklearen Risiken von Altanlagen müssen bekannt sein, um ihre Sicherheitbewerten zu können.
Betreiber und Aufsichtsbehörden sind für die Prüfung und Genehmigung alternderAtomkraftwerke zuständig und bewerten ihre Sicherheit. Ihre Aussagen über dieSicherheit einer Anlage sind aber lediglich rechtlich normative Bewertungen.

Alterungsprozesse erhöhen das Risiko von Störungen und Störfällen.
Die Ursache vieler sicherheitsrelevanter Ereignisse ist auf Alterungsprozesse zurückzuführen. Dies zeigen die Betriebserfahrungen. Alterungsprozesse wie Korrosion, Verschleiß oder Versprödung mindern die Qualität von Sicherheitseinrichtungen bis hin zu deren Ausfall.

Die Kraftwerkskonzepte der 1970er und 1980er Jahre sind sicherheitstechnisch veraltet.
Die Errichtungs- und Betriebsgenehmigungen von vielen Atomkraftwerken sind zum Teil bereits 30 Jahre oder älter. Damals wurden sie nach den Genehmigungsprüfungen als "sicher" für den Betrieb zugelassen. Die zur Verfügung stehenden Überprüfungsinstrumente waren damals jedoch weit weniger entwickelt als heute und die Überprüfungsstandards auf einem deutlich tieferen Niveau.

Viele Kernkraftwerke werden jenseits der Grenze der ursprünglichen technischen Auslegung auf einem veralteten technischen Stand betrieben.
Die technische Auslegung vieler Atomkraftwerke erfolgte vielfach für Laufzeiten von 30 oder 40 Jahren. Dieser Zeitraum stellt in der Praxis jedoch keine verbindliche Grenze dar, wie viele europäische Beispiele zeigen. Laufzeiten werden sogar ohne grundlegende Modernisierung verlängert.

Die Aussage, dass die Sicherheit alter Atomkraftwerke durch Nachrüstungen kontinuierlich verbessert worden sei, täuscht.
Die Nachrüstungen dienten häufig der Beseitigung von Mängeln in der Anlage beziehungsweise dem Schutz vor Risiken, die zum Zeitpunkt der Genehmigung nicht erkannt worden sind.

Nachrüstungsmaßnahmen sind prinzipiell begrenzt. Wesentliche konzeptionelle Schwächen alter Atomkraftwerke bleiben bestehen.
Sicherheitsanforderungen nach aktuellem Stand von Wissenschaft und Technik lassen sich im Design alter Atomkraftwerke nicht vollständig umsetzen. Elementare Schwachstellen der veralteten Sicherheitskonzepte können nicht behoben werden.

Die Möglichkeiten des Alterungsmanagements sind begrenzt.
Reparatur und Austausch der von Alterung betroffenen Komponenten können nur lokal begrenzt und vorübergehend Schwächen beseitigen. Alterungsprozesse werden allenfalls unterbrochen oder verlangsamt, aber nicht verhindert.

Nachrüstungsmaßnahmen und Reparaturen in Altanlagen beinhalten immer auch ein zusätzliches Risiko.
Durch den Eingriff in die Sicherheitstechnik der bestehenden Anlage können neue Risiken etwa durch unvorhergesehene Wechselwirkungen geschaffen werden. Beim Umstieg auf neue technische Lösungen besteht das Problem der Kompatibilität mit der vorhandenen Technik.

Fehlende Dokumentationen und Informationen erschweren die Bewertung der Sicherheit von Altanlagen.
Sicherheitsnachweise für alte Kernreaktoren stoßen häufig an nicht überwindbare Grenzen, wenn die vorliegenden alten technischen Dokumente fehlerhaft sind beziehungsweise teilweise oder vollständig fehlen.

Fehlende Transparenz erschwert eine Bewertung der Risiken für Dritte.
Das Verfahren der Sicherheitsüberprüfungen der in Betrieb befindlichen Anlagen ist für Dritte nicht transparent. Es fehlen prozedurale Festlegungen, mit denen für alle Betroffenen ein ausreichender Zugang zu Informationen und eine angemessene Beteiligung an Entscheidungsprozessen sichergestellt werden.

Es fehlt die Möglichkeit für internationale Beteiligung, obwohl die Risiken grenzüberschreitende Folgen haben können.
Eine verbindliche internationale Beteiligung ist in den meisten Verfahren zur Laufzeitverlängerung nicht vorgesehen. Während ein Neubau von Kraftwerken heute zwingend mit internationaler Beteiligung einhergeht, wird die Entscheidung über den Weiterbetrieb von Altanlagen souverän von den Nationalstaaten –​ ohne Einbeziehung von NachbarInnenstaaten – getroffen.

Nukleare Risiken bleiben für die Betroffenen im Dunklen, weil darüber nicht informiert wird.
Die für die Öffentlichkeit freigegebenen Informationen sind für die Betroffenen zumeist nicht verständlich und behandeln nicht die kritischen Punkte der Sicherheit. Eine Verpflichtung der BetreiberInnen und der Behörden darüber zu informieren besteht nicht.

Es gibt keine unabhängige, internationale Überprüfungsinstanz und keine international verbindlichen Regeln zur Umsetzung von Sicherheitsanforderungen an Altanlagen.
International gibt es keine unabhängigen Prüfinstanzen. Zudem lassen die Regeln bei alten Anlagen immer die Ausnahme zu, dass Maßnahmen nur dann umgesetzt werden, wenn es wirtschaftlich vernünftig ist.

Die Studie zeigt die dramatischen Sicherheitsrisiken der derzeitigen Praxis von Laufzeitverlängerungen alter AKW auf. Jetzt muss auf europäischer Ebene dringend gehandelt werden - es braucht einheitliche Standards der EU zur Begrenzung der Laufzeit und damit des steigenden Risikos. Wir informieren daher Öffentlichkeit, Europaparlament und Kommission über die ersten Zwischenergebnisse der großen Risikostudie und legen unsere Forderungen vor.

Unsere Ziele als "Allianz der Regionen für einen schrittweisen europaweiten Atomausstieg" als Auftraggeberin der Studie sind: Klare transparente Genehmigungserfahren mit Beteiligung der Nachbarregionen durch eine grenzüberschreitende UVP wie bei der Erstgenehmigung durchzuführen sowie eine Obergrenze für die Betriebszeit von Atomkraftwerken von maximal 40 Jahren. Nur so kann das wachsende Risiko verlässlich beschränkt werden. Nach der heutigen Präsentation des Zwischenberichts und der geforderten Konsequenzen, samt Übergabe an Europaparlament und EU-Kommission, wird der Endbericht der Studie im Rahmen einer Großveranstaltung im Herbst von der Allianz präsentiert und der politische Diskurs gestartet.

Angesichts der Risiken, die mit Laufzeitverlängerungen verbunden sind, ist es unverantwortlich, dass die EU-Kommission in ihrer Klimastrategie auch in der Zukunft stark auf die Atomkraft setzt und ihr eine große Rolle im europäischen Strommix gibt. Dabei geht die Kommission davon aus, dass die Laufzeit vieler Reaktoren auf 60 Jahre erhöht wird. Diese Strategie ist sehr gefährlich und sehr teuer. Die Kosten von notwendigen Sicherheitsnachrüstungen werden von der Kommission bewusst zu niedrig angesetzt. Mit Investitionen in erneuerbare Energien und Effizienzmaßnahmen würde deutlich mehr und nachhaltiges für den Klimaschutz erreicht als mit dem kurzsichtigen Versuch, das Ende der Hochrisikotechnologie Atomkraft unter Inkaufnahme von mehr Risiken hinauszuzögern.

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