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am 1. September 2018

Meine Ökoterroristin

ooe.planet Redaktion - Vegane Schuhe, Plastikmüll und faire Jeans: Wie ich lerne, ein Gutmensch zu werden.

Frau mit Schild Karotten

Meine Tochter Hannah, gerade fünfzehn Jahre alt geworden, hat sich stillschweigend zu einem "Gutmenschen" entwickelt. (Unter uns, das ist ja kein Schimpfwort, stimmt's?) Nicht, dass sie vorher ein Bösmensch gewesen wäre, nein. Aber jetzt reißt sie mich geradezu mit durch ihren unbeugsamen Willen, alles so richtig und gut wie möglich zu machen.

Hannah ist zum Beispiel Vegetarierin geworden. Sie hat das nicht an die große Glocke gehängt, sie macht auch keine Religion daraus, aber sie isst einfach kein Fleisch mehr, höchstens ab und zu eine Forelle aus dem eigenen Teich. Ganz ehrlich, ich bin einem sonntäglichen Bratl nicht abgeneigt, aber neben einer Vegetarierin schmeckt einem Fleisch nicht mehr so gut. Was daran liegt, dass VegetarierInnen natürlich recht haben, wenn man kurz über all die Schrecklichkeiten der Fleischproduktion nachdenkt. Zum Beispiel nur über das Wort "Fleischproduktion" – als ob es um eine Sache ginge, und nicht um Lebewesen. Heute beim Frühstück hat Hannah mir von den vergasten und geschredderten männlichen Küken erzählt, Opfern der Eierproduktion, und von der grausamen Trennung von Kalb und Mutterkuh, Fundament der Milchwirtschaft. Tja, und wenn ich ihr recht gebe, muss ich mir selbst die Frage stellen, warum ich ein weiches Ei esse und Butter auf mein Brot schmiere. Demnächst steht veganes Frühstück auf dem Programm.

Natürlich kommen bei uns ausschließlich Bio-Lebensmittel auf den Tisch, am besten saisonale aus lokaler Produktion. Werfe ich ein Schnipselchen Plastikverpackung irrtümlich in den normalen Müll, fischt Hannah es wieder heraus, wobei sie bedrohlich die linke Augenbraue hebt. "Ökoterroristin", raune ich ihr zu, aber das findet sie nicht lustig. Zur Strafe muss ich ihr dann vegane Winterschuhe und eine neue Jacke kaufen. Auch diese selbstverständlich aus Bio-Baumwolle, rückstandfrei gefärbt und vor allem fair hergestellt. Ich staune darüber, welche Vielfalt es mittlerweile an "anständiger" Kleidung gibt. Ich schwöre, meine nächste Jean wird eine faire sein. Man hat ja auch mehr Freude damit, denn noch eines habe ich von meiner Tochter gelernt: Es macht durchaus Spaß, ein Gutmensch zu sein.

Text: René Freund

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