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am 23. November 2020

Klimawandel: Skifahren in Vorderstoder?

Stefan Kaineder - Studie über die Entwicklung der natürlichen Schneedecke in der Pyhrn-Priel-Region

Im August dieses Jahres wurden von der Gemeinde Vorderstoder Pläne zur Errichtung eines neuen Skigebiets in Vorderstoder samt Verbindung mit dem bestehenden Skiort Hinterstoder vorgelegt. Daraufhin hat sich eine breite BürgerInnenbewegung gegen das geplante Projekt gebildet. Wir haben uns bei einem Lokalaugenschein selbst ein Bild von den geplanten Lifttrassen und dem Ausmaß des Eingriffes in die Natur gemacht. Streitpunkt an dem Projekt ist nicht nur der massive Eingriff in die Natur, sondern auch, ob das Projekt aufgrund des immer schneller voranschreitenden Klimawandels wirtschaftlich überhaupt noch sinnvoll sein kann. Aktuell beträgt der globale Temperaturanstieg seit Mitte des 19. Jahrhunderts rund 1°C, in Österreich liegt der Temperaturanstieg bereits bei 1,8°C. Die Wissenschaft geht von einer weiteren Beschleunigung des Anstiegs bis 2050 aus.

Wir sehen selbst, dass der Winterniederschlag in mittleren und tiefen Lagen immer häufiger in Form von Regen fällt. Winter wie vor 30 Jahren gibt es nicht mehr. Ich bin in Kirchschlag bei Linz aufgewachsen, dort lernen viele OberösterreicherInnen auf 900 Metern das Skifahren. In meiner Kindheit vor 30 Jahren gab es dort elf Skilifte - heute gibt es nur mehr drei. Und selbst die brauchen eine energieintensive Beschneiungsanlage, um überhaupt Skibetrieb zu ermöglichen.

Eine im Oktober vom WWF veröffentlichte Umfrage zeigt zusätzlich, dass die Bevölkerung mit großer Mehrheit einem zusätzlichen Ausbau von Skigebieten sehr kritisch gegenüber steht. In der market-Umfrage mit über 1.000 Befragten in Österreich, sprachen sich diese mit einer großen Mehrheit von 64 Prozent für einen generellen Ausbaustopp von Seilbahnen aus.

Wir müssen uns die Frage stellen, wie sinnvoll ein Skigebiet in einer Höhenlage zwischen 750 und 1.200 Metern ist, wenn man bedenkt, dass die Klimaerwärmung weiter voranschreiten wird. Der geplanten Skischaukel in Vorderstoder würden rund 40 Hektar Wald zum Opfer fallen und ein bedeutender und wunderschöner Naturraum würde zerschnitten. Die WWF-Umfrage zeigt jetzt auch, dass die Menschen einen Ausbau von Skigebieten – vor allem auch angesichts der Klimakrise – sehr kritisch sehen. Wir müssen uns gut überlegen, ob wir Millionen Steuergelder in ein derartiges Projekt stecken wollen. Die nun vorliegende Studie zur künftigen Schneesicherheit im Stodertal liefert ein weiteres gewichtiges Argument gegen die Umsetzung der Pläne in Vorderstoder.

Entwicklung der natürlichen Schneedecke in der Pyhrn-Priel Region in Oberösterreich

Im Rahmen dieser Studie wurde die Entwicklung der natürlichen Schneedecke in der Pyhrn-Priel-Region untersucht. Basis hier für sind die gerasterten Beobachtungsdaten für Temperatur und Niederschlag (SPARTACUS) sowie die mittels Schneemodell berechneten Schneedaten (Snowgrid) der ZAMG. Beide Datensätze sind seit 1961 verfügbar. Im Zentrum steht dabei der Vergleich der Verhältnisse in der Klimanormalperiode 1961-1990 und den letzten 30 Jahren. Dies entspricht der klimatischen Veränderung der mittleren Verhältnisse von 1976 bis 2005 und damit dem Trend von 29 Jahren.

Im Mittel hat sich diese Region in diesem Zeitraum um rund 1,2°C erwärmt, jedoch nicht ganz gleichmäßig. Die stärkste Erwärmung fand Anfang bis Mitte Jänner, sowie in der zweiten Aprilhälfte statt. Hier erreichte die Erwärmung Werte über 2,5°C. Diese Erwärmung führte in den Tallagen dazu, dass sich der Zeitraum während dem die Tagesmitteltemperatur unter 0°C liegt, um rund vier Wochen verkürzt hat.

Diese Erwärmung wirkte sich auch signifikant auf die natürliche Schneedecke in dieser Region aus. Bei der Schneedecke wurden zwei verschiedene Schwellenwerte untersucht. Einerseits eine Schneedecke von zumindest 5cm, die eine geschlossene Schneedecke repräsentiert, die auch in kupiertem Gelände für ein winterliches Landschaftsbild sorgt. Andererseits ein Schwellenwert von 30cm,der ausreicht, um sportliche Aktivitäten einschließlich Schifahren im freien Gelände durchzuführen.

Bei beiden Schneelagen zeigt sich ein klarer Rückgang zwischen den beiden Perioden im Kernwinter vom 1. Dezember bis 28. (29.) Februar. Für eine geschlossene Schneedecke reicht die Abnahme bis 1.500m Seehöhe. In den Tallagen ist die Abnahme am stärksten und beträgt rund zwei Wochen und nimmt von früher mehr als 60 Tagen auf unter 50 ab. Für eine Schneedecke von zumindest 30cm reicht die Abnahme sogar bis 1.750m, wobei diese Abnahme ab 1.250m nicht mehr signifikant ist. Bei diesem Schwellenwert zeigt sich die größte Abnahme nicht mehr in den Tallagen, da eine derartige Schneedecke dort schon zu selten ist, sondern in Lagen um 750m. Hier geht die Anzahl von früher mehr als 40 Tagen auf unter 30 Tage zurück.

Neben den Rückgang der natürlichen Schneedecke gab es auch eine Abnahme des Schneeanteils am Gesamtniederschlag im Winterhalbjahr. In der Periode 1961-1991 fiel in den Tallagen bereits Ende November mehr als die Hälfte des Niederschlags in Form von Schnee, in den letzten 30 Jahren wurde dieser Wert erst Mitte Dezember erreicht.

Die beobachteten Veränderungen bei der natürlichen Schneedecke in der Pyhrn-Priel-Region seit 1961 haben klar negative Auswirkung auf die Attraktivität der Region für schneegebundene Aktivitäten im Winterhalbjahr. Der Rückgang einer geschlossenen Schneedecke reduziert in den Tallagen die Tage mit einem winterlichen Erscheinungsbild, dies besonders in der Adventzeit und während der Weihnachtsferien. Dadurch werden Aktivitäten wie Pferdekutschenfahrten, Winter- und Schneeschuhwandern sowie die Anreise zu Adventmärkten in der Region weniger attraktiv.

Der Rückgang einer Schneedecke von zumindest 30cm ist besonders in Lagen um 1.000m Seehöhe problematisch, da hier SchitourengeherInnenund VariantenfahrerInnen besonders betroffen sind, wenn Abfahrten nicht mehr bis ins Tal möglich sind und längere Fußmärsche in Kauf genommen werden müssen. Aufgrund des Einsatzes technischer Beschneiung ist die vergangene Schneedeckenentwicklung innerhalb von bewirtschafteten Pistenflächen von Skigebieten differenziert zu betrachten. Durch die Erwärmung der letzten Jahrzehnte hat zudem auch noch die Variabilität der Schneedecke von Jahr zu Jahr zugenommen. Dies erhöht das Risiko, besonders ungünstige Schneeverhältnisse anzutreffen.

Durch das Sinken des Schneeanteils am Gesamtniederschlag muss man nun in der Region auch im Winterhalbjahr häufiger mit Regen rechnen. Dies besonders im Frühwinter, also auch im Advent. Bei Regen sinkt die Attraktivität von Freiluftaktivitäten, selbst auf Schipisten mit genügend Schnee.

Die beschriebenen klimatischen Veränderungen in der Region beziehen sich auf die Veränderungen zwischen der Periode 1961-1991 sowie 1990 bis 2020. Dies entspricht jeweils den mittleren klimatischen Verhältnissen um 1976 sowie 2005. Es handelt sich also um die klimatischen Veränderungen in 29 Jahren mit einer mittleren Erwärmung von rund 1.2°C.

Dies entspricht in etwa auch der weiteren Erwärmung bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts, welche wir nicht mehr verhindern können. Für die natürliche Schneedecke muss damit mit weiteren, ähnlich starken Veränderungen gerechnet werden wie hier beschrieben. Es werden aber die Seehöhenstufe zwischen 1.000 und 1.500m stärker betroffen sein als in der Vergangenheit. Aufgrund des Einsatzes von technischer Beschneiung sind für die Bewertung der zukünftigen Entwicklung innerhalb bewirtschafteter Flächen wie z.B. Skipisten weitere spezifische Studien unter Berücksichtigung der technischen Infrastruktur und Wasserverfügbarkeit notwendig.

Durch den nicht linearen Zusammenhang zwischen Schneefallgrenze und Temperatur in Talatmosphären könnten die Auswirkungen auf die natürliche Schneedecke sogar deutlich stärker ausfallen. Daher stellt eine einfache Trendfortschreibung nur eine untere Grenze für eine mögliche zukünftige Entwicklung dar.

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