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am 8. Juli

Der soziale Nahversorger

ooe.planet Redaktion - Das frühere Sportheim Ennsleite in Steyr heißt jetzt "Wirtshaus zur Bewegung". Dort treffen einander ehemalige SportlerInnen, AltpolitikerInnen, aktive KnüpplerInnen und Wahrhammer-SpielerInnen, aber auch BewohnerInnen aus der unmittelbaren NachbarInnenschaft.

Der soziale Nahversorger
Michael Schumm vom "Wirtshaus zur Bewegung"

Im ehemaligen Bauernhof Hubergut auf der Ennsleite, einem Stadtteil von Steyr mit heute über 5.000 EinwohnerInnen, wuchs einst der ehemalige Vizekanzler Wilhelm Molterer auf. 1965 wurde der Vierkanthof samt den Gründen von der Stadt Steyr angekauft. Rundherum entstanden mehrstöckige Wohnbauten vor allem für die ArbeiterInnen der naheliegenden Steyr-Werke. Die Stadt verpachtete den großen Vierkanthof an den Sportverein "Bewegung Steyr" mit seinen Sektionen Fußball, Tennis und Stockschützen. Die einzelnen Sportanlagen wurden in dieser Zeit um den Hof angelegt.

Jahrzehntelang fungierte das Gebäude als Vereinssitz und Vereinslokal mit Versammlungssaal. Jede Sektion beanspruchte einen Teil des großen Anwesens. Schon von Anfang an hat es auch eine Gastronomie gegeben "Das Lokal war und ist heute noch die große soziale Klammer des Vereins", erzählt Michael Schumm. Vor einem Jahr hat er den Gastronomiebetrieb übernommen und auf den Namen "Wirtshaus zur Bewegung" umgetauft. Nach mehreren beruflichen Stationen in Linz und Wels wollte der 51jährige in Steyr – seinem Wohnort – arbeiten. Da kam ihm die Ausschreibung der Neuübernahme des Sportheimgastrobetriebes gerade Recht und er bekam auch gleich den Zuschlag, das Lokal zu übernehmen.

Über die Jahrzehnte hat sich das Lokal auch als Kommunikationsdrehscheibe für die umliegende Bevölkerung erhalten. Die meisten seiner StammgästInnen haben aber Bezug zum ASV Bewegung, sei es als frühere oder noch aktive FunktionärInnen und SportlerInnen, oder als Angehörige.

Längst hat sich jede Sektion ihre eigene kleine Ausschank außerhalb des Lokals eingerichtet. Die großen Vereinsveranstaltungen wie Jahreshauptversammlung, Weihnachtsfeiern oder Geburtstagsfeiern der Vereinsmitglieder finden aber noch immer im Wirtshaus statt. Jeden zweiten Freitag trifft einander eine große Runde zum Sparer-Stammtisch. Schon treffen einander AltpolitikerInnen – heute sind es noch vier – jeden Freitag zwischen halb eins und halb vier zum Kartenspiel. Sie spielen auf immer dem selben Tisch im kleinen Stüberl und essen immer gebackenen Fisch mit selbst gemachtem Erdäpfelsalat. "Früher waren es Fischstäbchen, seit ich hier bin gibt es Dorsch."

So wie diese KartlerInnen-Runde laufen andere Gepflogenheiten auch immer nach gleichem Muster ab. "Das ist wie in der Kirche", schmunzelt Schumm. Im großen GästInnentraum stehen ein kleinerer und zwei große Tische. Die größeren sind für die drei Stammtisch-Runden reserviert, die einander jeweils einmal in der Woche hier treffen. So wie die Rituale sind die besprochenen Themen (fast) immer die gleichen. Nach einer herzlichen Begrüßung werden zunächst Neuigkeiten im Familien- und Bekanntenkreis, aber auch aktuelle Todesfälle ausgetauscht. Dann wird lange über Sport diskutiert. Es sind nicht die aktuellen Sportthemen, die die Seelen der Stammtisch-Mitglieder bewegen, sondern Sportereignisse, die schon Jahrzehnte zurückliegen.

Zu Beginn wollte Schumm sein Lokal zu einem Kulturwirtshaus machen. Doch das Interesse seiner StammgästInnen an Kulturevents war nicht sehr groß. Ab und zu finden doch Konzerte oder Le- sungen statt. Anklang finden Konzerte meist nur bei der jeweiligen Fangruppe der MusikerInnen bzw. Musikgruppen. Jede Gruppe zieht so ihr eigenes Publikum an. Ein ganz besonderer Sportzweig hat seinen Stammsitz im Wirtshaus: die Knüppler. Die aus dem Ennstal stammende Freizeitbeschäftigung der Holzfäller wird heute nur noch von wenigen ausgeübt. Ähnlich dem Boccia werden speziell angefertigte Holzknüppel so nahe wie möglich an eine Zielkugel geworfen. Sogar einen eigenen Schaukasten haben die KnüpplerInnen beim Eingang des Lokals hängen. Dort werden die letzten Spielergebnisse veröffentlicht, aber auch andere Neuigkeiten aus der Knüppler-Szene.

Auch die Warhammer-Szene hat im Lokal ihren Platz gefunden. Regelmäßig treffen einander Männer in einem Hinterzimmer zum Fantasy-Gesellschaftsspiel, wo verschiedene mittelalterliche Armeen nach ausgeklügelten Regeln gegeneinander kämpfen. Dieses Spiel dauert viele Stunden, oft bis weit in die Nacht hinein. Es ist schon vorgekommen, dass eine Runde erst am Vormittag des nächsten Tages endete.

Michael Schumm sieht sein Wirtshaus auch als sozialen Nahversorger für alle Generationen. Ältere, schon allein lebende Menschen, finden hier ihre GesprächspartnerInnen genauso wie junge Mütter mit ihren Kleinkindern. Doch die meisten seiner StammgästInnen haben engen Bezug zum Sportverein. "Wenn es dieses Wirtshaus nicht mehr gäbe, dann hätten viele Menschen ihren Lebensmittelpunkt und ihr zweites Wohnzimmer verloren."

Text: Marco Vanek

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