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am 2. Oktober

Äpfel: seltene, alte Sorten oder Einheitsbrei

Rudi Anschober - Sortenvielfalt bei Äpfeln bringt Geschmacksvielfalt und Widerstandsfähigkeit auch ohne Spritzmittel.

Alter Apfelbaum

Noch um 1900 hat die Sortenvielfalt an Äpfeln in Deutschland und Österreich rund 3.000 Arten umfasst, davon sind 1.200 Arten dokumentiert. Im Gegensatz dazu: Die heute in den Supermärkten überwiegend erhältlichen Äpfel gehen auf nur sechs verschiedene Sorten zurück. Weniger Vielfalt heißt mehr Anfälligkeit für Schädlinge, wie etwa Mehltau oder Schorf. In der industrialisierten Landwirtschaft führt dies zum Einsatz von Pestiziden und weiteren Umweltgiften, oftmals ist die Belastung des einzelnen Apfels durch gutes Waschen für die KonsumentInnen zwar eher gering, allerdings ist der Wirkstoff-Mix was gesundheitliche Folgen betrifft noch weitgehend unerforscht – und die Folgen für Umwelt und Insekten sind jedenfalls schwerwiegend.

Viele Insekten sind bei ihrer Futterauswahl hoch spezialisiert, benötigen den Nektar ausschließlich dieser oder jener Pflanze für ihr Überleben. Der Verlust der Artenvielfalt ist deshalb für viele Insekten lebensbedrohlich.

Bei den Äpfeln ist der Artenverlust aber auch für Menschen schmeckbar und der Teufelskreis mit höherer Schädlingsanfälligkeit und dadurch stets steigendem Pestizideinsatz nachvollziehbar. Das ist ein Weg in die industrialisierte Landwirtschaft, gegen den wir uns als KonsumentInnen nur durch den Griff zu saisonalen und biologischen Produkten direkt von KleinproduzentInnen aus der Region wehren können.

Obstkonsum in Österreich: Apfel als Lieblingsobst

Äpfel sind das beliebteste Obst der ÖsterreicherInnen, 42% geben den Apfel als Lieblingsobst an. Pro Kopf wurden in Österreich im Jahr 2016/17 durchschnittlich 14,1 Kilogramm Äpfel gegessen, gefolgt von 12 Kilogramm Bananen und 5,9 Kilogramm Orangen.

Allein in Deutschland wurden im Jahr 2018 über 2 Milliarden Kilogramm Äpfel geerntet, ein besonders erfolgreiches Jahr, nach den schweren, kältebedingten Einbußen im vergangenen Jahr mit nur rund 847 Millionen Kilogramm.

ÖkoTest-Bericht: Pestizide im Apfel

Ein aktueller ÖkoTest-Bericht weist die Klima- und Umweltbilanz von Supermarkt-Äpfeln aus – hinsichtlich Pestizidbelastung und zurückgelegten Kilometern.

Das jahreszeitenunabhängige Angebot an Äpfeln im Supermarkt hat seinen Preis: "Die Äpfel aus Neuseeland haben mehr als 20.000 Kilometer hinter sich, die deutschen Äpfel lagen bis zu neun Monate im Kühllager", heißt es im ÖkoTest. Auf den Äpfeln wurden zwar "nur" geringe Mengen an Pestiziden gefunden, dafür aber auf manchen Äpfeln bis zu fünf verschiedene Rückstände. Das liegt einerseits daran, dass viele Pestizide bei der Ernte schon abgebaut sind, andererseits auch daran, dass ObstbäuerInnen oft mehrere verschiedene Umweltgifte anwenden, um die zulässigen Höchstmengen an Rückständen eines einzelnen Pestizids nicht zu überschreiten. Der Mix an Pestiziden ist jedoch weder untersucht noch geregelt.

Doch die gefundenen Pestizide sind durchaus bedenklich, für den Menschen etwa, weil sie im Verdacht stehen, krebserregend zu sein (wie etwa Glyphosat) oder lungenschädlich, oder schädlich im Mutterleib. Für die Umwelt ergeben sich vielfältige negative Folgen für Böden, Wasser und Insekten, für die viele Pestizide oft direkt oder indirekt tödlich sind.

Artenvielfalt am absteigenden Ast

Pomologen, also ObstbaumkundlerInnen kritisieren den "Einheitsbrei" an Äpfeln, der im Supermarkt zu bekommen ist: wenig Säure und süßlich ist der Supermarkt-Apfel; die "alten" Sorten können dagegen eine breite Palette an Geschmacksvielfalt, an unterschiedlichen Aromen und Charakteren bieten.

Auch lange Kühlperioden oder Transportwege fallen weg, wenn die richtigen Sorten gepflanzt und geerntet würden. Der "Boskop"-Apfel entwickelt zum Beispiel erst im Winter sein volles Aroma oder der "Ontario" kann bis in den Juni gut gegessen werden. Diese Sorten schmecken dafür direkt nach der Ernte weniger.

Aber warum gibt es eine derartige Spezialisierung im Apfelbau? Für das Kompetenzzentrum Obstbau Bodensee (KOB) eine klare Sache: Alte Apfelsorten tragen in einem Jahr, im nächsten aber nicht. Das ist für den Erwerbsobstbau unmöglich darstellbar. Auch die Früchte reifen unterschiedlich schnell und bräuchten daher mehr Aufwand bei der Ernte. Auch die von Normen, Supermärkten und vielfach von KonsumentInnen gewünschten Eigenschaften, von Größe über Farbe bis zum Gewicht können viele alte Sorten nicht erfüllen, weil sie etwa zu klein oder zu wenig knackig sind.

Was kann man tun?

  • Bewusstsein der KonsumentInnen stärken, Geschmack trainieren
  • Einkauf bei regionalen Bio-ProduzentInnen, bewusster Griff zu seltenen Sorten
  • Wissenschaftliche Aufarbeitung alter Sorten und Kreuzung, um die positiven Eigenschaften zu erhalten
  • Beratung der ObstbäuerInnen über die Eigenschaften und Vorteile alter Sorten und Sortenvielfalt, vor allem im Hinblick auf Schädlingsanfälligkeit und Pestizideinsatz

Die genetische Verarmung unserer Apfelsorten durch Inzucht

Die genetische Verarmung unserer Apfelsorten hat ungefähr vor 100 Jahren begonnen. Die moderne Züchtung unserer Apfelsorten in den letzten 100 Jahren geht auf sechs Ursorten zurück: Golden- und Red Delicius, Cox Orange, Jonathan, Mc Intosh und James Greave.

Es ist schon lange bekannt, dass eine der schorfanfälligsten Sorten der Golden Delicius ist und der Jonathan besonders für Mehltau gefährdet ist. In alten Streuobstwiesen stehen viele Sorten, die fast völlig frei von Schorf und Mehltau sind. Viele neue Apfelsorten haben durch die häufige Einkreuzung von Jonathan oder Cox Orange extreme Probleme mit dem Mehltau und Schorf. Da diese Sorten alle sehr krankheitsanfällig sind, hat diese genetische Verengung dramatische Folgen für die Vielfalt des heutigen Apfelanbaues.

In Deutschland und in Österreich waren um 1900, also vor 120 Jahren, mehr als 1.300 verschiedene Apfelsorten dokumentiert. Die wirkliche Sortenzahl ohne Lokalsorten waren sicherlich mehr als 3.000. Viele bekannte Sorten waren überregional, regional oder lokal. Viele der im deutschen Sprachraum gezogenen Äpfel haben durch genetische Veränderung (Mutationen), Bodenbeschaffenheit oder Klima ein anderes Aussehen oder einen anderen Geschmack bekommen. Im 19. Jahrhundert war durch die Ein- und Auswanderung die genetische Vielfalt besonders hoch. Eine typische Apfelsorte war in dieser Zeit der Antonovka, der vom berühmten Biologen Mitschurin bis nach Sibirien verbreitet wurde.

Eine DNS-Analyse der genetischen Abstammung hat ergeben, dass mehr als 800 der nach 1920 entstandenen Sorten aus amerikanischer oder mitteleuropäischer Züchtung Nachkommen der sechs Sorten Golden, Red Delicius, Cox Orange, Jonathan, McIntosh und Cames Greave sind, oder mindestens eine dieser Sorten im Stammbaum haben. Dies ist ein Prozentsatz von 90%. Auch die von den Baumschulen angepriesenen Bohnenstangen (Spalierbäumchen) sind durch genetische Veränderungen beim Klonen oder durch Mehrfach-Einkreuzungen entstanden und sonst nichts als teuer.

Aus den vom bekannten Pomologen Hans Joachim Bannier untersuchten 600 Sorten stammen nur 20 nicht aus diesem Genpool ab.

In den Streuobstwiesen hingegen gibt es kaum Probleme mit Krankheiten, da hier keine Monokulturen stehen. In den monokultivierten Apfelplantagen ist die Ansteckungsgefahr ohne vorbeugende Spritzung wesentlich höher. In der Urmutter der Baumschulen in Pilnitz gehen die Ergebnisse ohne Fungizideinsatz in die gleiche Richtung. Eine typische Erscheinung der Überzüchtung ist die Stippigkeit und die schrotschussähnlichen Frucht- und Blattschäden, die bei der Sorte Topaz durch die Einkreuzung von Mc. Intosch oder Golden Delicius entstanden sind.

Dass alte Apfelsorten auf guten Böden und robusten Veredelungsunterlagen (zum Beispiel Metzer Welschapfel, Grahams Jubiläumsapfel) auf Hochstämmen auch in höher gelegenen Kulturen mehr Widerstandskraft als die Inzuchtsorten haben, ist bewiesen. Die starken Probleme im Erwerbsobstbau mit Schorf, Mehltau und Krebsanfälligkeit wurden von der chemischen Industrie mit den synthetischen Mitteln in den Jahren um 1930 überdeckt, aber nicht gelöst, weil immer wieder die genetisch fast gleichen Sorten eingekreuzt wurden.

Dass ein genetisch verarmter Obstbau sehr schmal aufgestellt ist und nur eine geringe Vitalität hat, ist vielen PomologInnen bekannt. Weltweit werden von vielen Zuchtstationen immer wieder neue Sorten gezüchtet, die kaum mehr in Aussehen und Geschmack zu unterscheiden sind. Von KundInnen, die in den Supermärkten Äpfel kaufen, hört man immer wieder die Klage, dass die Äpfel ja alle gleich schmecken.

Es ist bekannt, dass fast alle guten, alten Apfelsorten alternant sind und nur alle 2 Jahre Früchte tragen. So ist es kaum vorstellbar, dass diese neuen Züchtungen in den Plantagen auf Grund der schwachen Veredelungsunterlagen jedes Jahr beste geschmackvolle Früchte tragen. Es ist daher völlig normal, dass die alten Sorten, die schon vor 1900 in den Gärten standen, nicht nur durch ihr Aussehen, sondern vor allem durch den unterschiedlichen Geschmack leicht zu unterscheiden sind. Das schwerwiegendste Problem der ApfelzüchterInnen ist aber, dass immer mehr Menschen auf die modernen Supermarktäpfel allergisch reagieren und diese nur mehr als Kompott oder anderwärtig verkocht konsumieren können. Bei alten Apfelsorten bleiben diese allergischen Reaktionen jedoch oftmals aus.

Die sechs Stammeltern der Apfelzüchtung sind das Grundproblem der Inzucht. Dass sie überlebt haben und so dominant geworden sind, verdanken sie nur der chemischen Industrie. Die Vorteile dieser Sorten sind eine gute Vermarktung mit sehr guten Erträgen durch den Handel, gleiche Größe und ein sehr süßer Geschmack sowie ein langer Fruchtstängel, der vor Beschädigung schützt.

Die chemische Industrie mit den Fungiziden und Pestiziden ist und war aber die große Gewinnerin dieser Entwicklung. Wenn heute ApfelbäuerInnen mindestens 10 bis 15 Mal die Plantagen mit den chemischen Mitteln spritzen, ist das eigentlich eine katastrophale Entwicklung. Daher hat nicht zufällig der Schorfleader "Golden Delicius" gemeinsam mit den immer intensiveren Spritzmitteln von der Industrie den Siegeszug angetreten. Im Jahr 2015 wurden in Österreich 220.000 Tonnen Äpfel geerntet, davon waren nur 17.000 Tonnen biologisch angebaut - das sind ca. 8%.

Ein Apfel, der nicht mit chemischen Mitteln gespritzt wird, entwickelt Abwehrmechanismen, die den Baum vor Schorf, Mehltau und verschiedenen saugenden Insekten schützen. Blattläuse müssen den Wirtsbaum verlassen und werden von den Ameisen auf einen anderen Baum getragen, denn sonst würden diese an den vom Baum entwickelten Gegengiften sterben.

Diese Stoffe, die der Baum gegen Schädlinge entwickelt, sind Antioxidantien. Der Anteil an diesen bioaktiven Substanzen ist nur in einem ungespritzten Apfel bis zu 25 Mal höher als in einem gespritzten. Es gibt auch Studien, dass die Früchte auf Hochstämmen mehr gesundswirksame Stoffe haben, als die auf schwachwachsenden Bäumen.

Eines muss uns bewusst sein: nur genetische Vielfalt ist eine Basis für gesundes Obst - egal ob Apfel, Birne, Kirsche oder Zwetschke!

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